Schwabenhass

Über den Schwabenhass in Berlin

Zugegeben: So richtig weiß ich auch nicht, wie ich mit diesen antischwäbischen Parolen umgehen soll, die zur Zeit in Berlin wieder Schlagzeilen machen. Der selbst ernannte „Totale Schwaben-Hass“ gipfelte jüngst ja in einer doch ziemlich widerlichen „Kauf nicht bei Schwab’n„-Schmiererei in der Rykestraße.

Das Schlimmste an dieser Parole ist freilich die unsägliche Geschichtsvergessenheit, die da mitklingt. Wer so etwas an Häuserwände schmiert, ist selbst nach schwäbischer Definition schon mehr als bloß „nemme ganz bacha“. Wer das aber auch noch in Rykestraße macht, unweit der jüdischen Synagoge, der hat die Grenze zur Hass-Kriminalität sicherlich überschritten.

Ich bin Schwabe – vom Rande der Schwäbischen Alb, also das volle Programm. Als solcher ärgern mich natürlich diese ganzen Anti-Schwäbischen-Parolen an sich. Über jemanden wie Wolfgang Thierse kann ich dabei gerade noch kopfschüttelnd grinsen (auch wenn seine Argumentationsführung sicherlich in anderen Kontexten von manch einer/einem als rassistisch bezeichnet werden würde). Jedenfalls sollte er froh sein über jeden schwäbischen Bäcker in Berlin. Das nämlich, was einem hier sonst von den ganzen Großbäckerei-Ketten zum Beispiel als Laugenwegga (aka Laugenschrippe) angeboten wird, ginge im Schwäbischen nämlich gerade mal als Garderdürlestopper (für Herrn Thierse: Stein, der das selbstständige Schließen der Gartentüre verhindert) durch. Es ist jedenfalls nicht der Schwäbische Bäcker, der die einheimische Schrippen verdrängt. Das Problem ist vielmehr, dass man kaum noch richtige Bäcker findet, sondern nur noch „Aufbäcker“.

Worüber sich aber nicht mehr Grinsen lässt: Wie immer, wenn man eine Bevölkerungsgruppe als Schuldigen ausmacht – hier die Schwaben, die vermeintlich die Mietpreise hoch- und die Clubs aussteigen lassen – gibt es dann willfährige Idioten, die Ihren Frust gewaltsam an dieser Bevölkerungsgruppe auslassen. So wie ein 29- Jähriger Zeitungszusteller, der vor lauter Schwabenhass Kinderwägen in Häusern angezündet haben soll. Elf Taten im Prenzlauer Berg wurden ihm wohl nachgewiesen.

Wie krank dabei argumentiert wird, zeigt ein vermeintlichen Bekennerschreiben, dass in einem Antifa-Netzwerk eingestellt wurde. Bei Indymedia selbst wurde der Beitrag „versteckt“ und ist nur auf Anfrage erhältlich. Jedenfalls heißt es dort:

wir haben in der nacht auf 21.1.2012 mehrere Kindertransporter den Flammen übergeben. damit bringen wir unsere schwaben haß zuspitzen. eine deutlich zuspitzung zwischen die herrschenden und die profiteure zu treiben ist das ziel unserer kampagne. antigentrifikation antischwaben kampagne nennt es wie ihr lustig seid. über nachahmerInnen trittbrettfahrerInnen freuen wir uns. gruß und kuß ohne abschlußparole

Verlinkung erspare ich mir, Screenshot gibt es hier:

Vermeintliches Bekennerschreiben
Vermeintliches Bekennerschreiben

Ob das echt ist oder nicht – keine Ahnung. Fakt ist, dass an besagten Tag tatsächlich Kinderwägen brannten. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass es offensichtlich mit der so genannten Hipster Antifa Neukölln innerhalb der linken Szene auch eine Kritik der gewaltsamen Gentrifizierungskritik gibt.

Wie dem auch sei: Wer Kinderwägen anzündet ist ein A. Wer das aus Hass auf eine Bevölkerungsgruppe heraus tut, ist ein rassistisches A. Und wer sich mit „Schwaben raus“-Sprüchen profilieren muss, ist ein geistiger Brandstifter. (Und das A-Wort meine ich hier nicht im schwäbischen positiv-zugewandten Sinne.)

Tipp für Alle, die uns Schaben mal so richtig ärgern wollen:

Für den Teil der Berliner Bevölkerung, für den das Anzünden von Kinderwägen nun doch ein paar Schritte zu weit geht, noch ein Tipp, wie man uns Schwaben so richtig ärgern kann, ohne dabei Menschenleben aufs Spiel zu setzen.

Die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau haben es vorgemacht. In einer Bildergalerie „Bekannte Schwaben in Berlin„.

Die Liste der Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau zeugt nämlich entweder von mangelnder interkultureller Kompetenz – oder von einer perfiden Nutzung derselben:

  • Dabei meine ich nicht, dass sich auf dieser kurzen Liste nur Künstlerinnen und Künstler befinden, die sich allesamt im Schwäbischen die (völlig unberechtigte) Frage gefallen lassen müssten „hasch nix gscheids g’lernt?“.
  • Ich spiele auch nicht auf Claus Peymann an, der sich ebenfalls auf der Liste befindet, der aber außer einem 5-Jährigen Gastspiel in Stuttgart in den 70ern so rein gar nichts Schwäbisches an sich hat und den die Berliner auch gerne behalten dürfen. (Offensichtlich gibt es viel zu wenig bekannte Schwaben in Berlin, dass die ernsthaft Peymann da mit aufgezählt haben!)
  • Nein, anzuprangern ist, dass sich auch die die Tänzerin, Choreographin und Opernregisseurin Sasha Waltz auf dieser Liste befindet. Nun ist Sasha Waltz zu Recht hoch angesehen und wäre sicherlich eine, die wir gerne als Schwäbin bezeichnen würden. Nur: Sasha Waltz kommt aus Karlsruhe. Karlsruhe! Für Banausen: Das liegt mitten in Baden. Aber damit nicht genug, legen die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau in der Bildunterschrift noch einen drauf:

„die Karlsruher sind fest überzeugt, keine Schwaben zu sein. Der Rest Deutschlands hält sie trotzdem für Schwaben.“

Seht her, Schwabenhasser dieser Stadt, so wird das gemacht. Denn, im Namen aller Schwaben und Badener, sage ich dazu nur eines: Rubikon!

6 Gedanken zu “Schwabenhass”

  1. “Tipp für Alle, die uns Schaben mal so richtig ärgern wollen:”
    Würde lieber gern die Schwaben (mit w) ärgen… oh wait, ich komme ja selbst vom Rande der schwäbischen Alb.
    Ansonsten, *lob*, schöner Text zum Thema geschrieben.
    o/ aus Berlin-Mitte

    1. Danke schön! Und stimmt natürlich, vor lauter Hektik fehlt da ein “w” in der Zwischenüberschrift. Und jetzt kann ich das auch nicht mehr korrigieren, sonst macht der Kommentar ja keinen Sinn mehr. #Firstblogproblems…;)

  2. servus müller,
    gommscha ausm glorreiche schwobaländle duu un jurischt bischd au ^^ heidonai
    aber diese berliner hend no vill zom lerna..bischd jetzt gwissermaßen a botschafter ❤ bass blos auf, gell?
    adele!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s