Der Durchschnitt

Auf SHZ.de – dem nach eigenen Angaben „größten Nachrichtenportal für Schleswig-Holstein“ fiel mir heute morgen ein Artikel zum Thema Kita-Ausbau auf der mich – ihr erahnt es – auch ärgerte. Ganz anders freilich als jüngst bei Jakob Augstein.

Dieses Mal geht es ums Prinzip.
Dieses Mal geht es um Mathematik.
Dieses Mal geht es um den Durchschnitt.

Konkret geht es zunächst vor allem um folgende Passage:

Doch schon jetzt zeichnet sich ab: Nicht überall wird die Zielvorgabe der Bundesregierung von 35 Krippenplätzen pro Hundert Kinder ausreichen. „Vielerorts wird der Bedarf an Betreuung für unter Dreijährige deutlich höher liegen als 35 Prozent“, befürchtet Jochen von Allwörden, Städteverbandschef in Kiel. Vor allem in urbanen Regionen sei damit zu rechnen, dass zwei von drei Kleinkindern außerfamiliär betreut werden sollen.

Auf meinen Tweet dazu bekam ich leider keine Antwort:

Aber ich bin jetzt ja Blogger! Har, har. Und als solcher erlaube ich mir mal, dieses Schauspiel, welches um die ominösen „35 Prozent“ aufgeführt wird, ein wenig näher zu durchleuchten. Quasi als Beispiel dafür, wie unterhalb der Wahrnehmungsschwelle wohl der meisten Leserinnen und Leser mit Mathematik Politik gemacht wird. Die SHZ.de kann nämlich gar nichts dafür. Der Wahnsinn um den Durchschnitt hat Methode.

Worum geht es?

Es geht um den Kita-Ausbau. Beim Krippengipfel 2007 hatten sich Bund, Länder und Kommunen darauf geeinigt, dass man dringend mehr Kitaplätze bauen will. 2008 schrieb man daher ins Gesetz, dass ab dem 01. August 2013 jedes Kind vom vollendeten ersten Lebensjahr bis zum vollendeten dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben soll. Alle Älteren haben ohnehin bereits einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz bis zum Schuleintritt (seit 1996).

Bund, Länder und Kommunen gingen dabei davon aus, dass man bundesweit rund 750.000 Kitaplätze braucht, d.h. dass man bundesweit einen durchschnittlich Bedarf von 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren befriedigen muss. Nach den letzten Erhebungen bei den Eltern liegt der Bedarf leicht höher, nämlich bei einem bundesweit durchschnittlichen Bedarf von 39,4 Prozent. Ich bleibe im Folgenden aber bei den 35 Prozent, alleine auf Grund des Wiedererkennungswertes.

Das Ziel war also, dass man für bundesweit durchschnittlich 35 Prozent aller Kinder einen Kita-Platz bereitstellt.

Die 35 Prozent sind also ein Bundesdurchschnitt, keine Zielvorgabe. Die 35 Prozent sind Berechnungsgrundlage dafür, wie viel Geld der Bund den Ländern insgesamt für ihre Aufgabe zuschießt. Das alles könnt Ihr auch unter www.fruehe-chancen.de nachlesen.

Nun sollte man meinen, das ist alles relativ banal. Eben eine Durchschnittsrechnung. Wenn der eine 99 Euro hat, der andere einen Euro, haben beide eben im Durchschnitt 50 Euro. So funktioniert ja der Durchschnitt aka das arithmetische Mittel.

Eigentlich ganz einfach. Sollte man meinen. Isses aber nicht. Das zeigt schon das obige Beispiel aus SHZ.de. Dort ist von einer Zielvorgabe der Bundesregierung die Rede. Die gibt es aber eben gerade nicht. Es gibt keine Vorgabe der Bundesregierung, dass jede Kommune in Schleswig-Holstein 35 Prozent erreichen muss. Es gibt einen bundesweiten Durchschnitt. Genau anders herum wird deshalb ein Schuh daraus: Jede Kommune muss vor Ort erheben, welchen Bedarf sie hat. Und aus diesen Bedarfsmeldungen kann ein bundesweiter Durchschnitt gebildet werden.

Denn: Es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Kommunen beim Bedarf. Der Städtetag hat dies jüngst in einer Befragung vom Januar 2013 noch einmal sehr deutlich gemacht. Dort heißt es in den Ergebnissen:

„Der Betreuungsbedarf variiert zwischen den am Projekt beteiligten Kommunen mit bis zu 21 Prozentpunkten, in den Westkommunen mit bis zu 13 Prozentpunkten. Die spannweiten der Betreuungsbedarfe innerhalb der Kommunen auf Planungsbezirksebene variieren zwischen vier (…) und 23 (…) Prozentpunkten (…). Dies macht die Notwendigkeit deutlich, bei der Ermittlung des Betreuungsbedarfs den Blick auf die konkreten Bedingungen vor Ort zu richten.“

Genau! Und auch zwischen den Bundesländern gibt es diese Unterschiede. Deshalb sind im Übrigen auch Tabellen, die die Bundesländer nach der Betreuungsquote sortieren, ziemlicher Unfug. Wenn A) einen Betreuungsbedarf von 33 Prozent hat und eine Betreuungsquote von 30 Prozent, dann ist sie doch besser als B), die einen Bedarf von 70 Prozent hat, aber nur eine Betreuungsquote von 59 Prozent. Oder? A) steht in der Tabelle aber hinter B). Die Frage muss doch aber sein: Bekommen alle einen Kitaplatz, die einen Kitaplatz wollen? (Und eben nicht: Wo gibt es die meisten Kitaplätze?) Solche Tabellen, die die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit aufzeigen, sind viel aussagekräftiger. Die findet ihr aber kaum in den Medien. Ein Journalist, den ich dazu mal gefragt habe, meinte nur, das sei zu kompliziert.

Mag sein. Aber dass ein Durchschnitt ein Durchschnitt ist, ist ganz einfach. Dabei bleibe ich.

Zur Ehrenrettung von SHZ.de

Es ist aber kein Zufall, dass überall diese 35 Prozent als Zielvorgabe stehen, statt als Bundesdurchschnitt. Und dieser Irrtum wird auch gepflegt. Ob gezielt oder aus Versehen – diese Interpretation überlasse ich Euch. Beweise? Et voilà:

Fangen wir wild an zu googeln. Am Besten mit den Grünen, die wissen ja immer alles besser (grins). Also gebe ich ein „35% Kita Grüne“. Ich lande schon auf der ersten Seite bei Frau Hilde Scheidt, Grüne Bürgermeisterin von Aachen – also eine, die sich sicherlich auskennt und die ja auch direkt verantwortlich ist. Mit Datum 28. März 2013 findet sich bei Frau Scheidt der Eintrag „U3 Ausbau in Aachen„. Der Bericht beginnt mit den Sätzen:

„Die von Land und Bund vorgegebenen Quoten von 32 bzw. 35 Prozent bei der Betreuung für die Unter-Dreijährigen (U3) zum Stichtag am 1. August 2013 wird in Aachen nicht nur eingehalten, sondern mit 36,9 Prozent sogar überschritten werden.“

Hm. Es gibt aber gar keine vorgegebenen Quoten. Weder vom Bund, noch vom Land. Und nochmal: Die zentrale Frage ist doch: Wie ist der Bedarf vor Ort in Aachen? Und nicht: Überschreitet Aachen den Bundesdurchschnitt?…

Sicherlich nur ein Zufall, nicht wahr? Also, ich google weiter…

.. und stoße auf einen gemeinsamen Antrag von SPD und Grünen im Landkreis Friesland.

„Die gesetzliche-35% -Mindestversorgungsquote sind bisher (…) nirgends erreicht. Außerdem ist abzusehen, dass in einigen Kommunen diese 35% nicht ausreichen werden.“

So so, es gibt eine „gesetzliche [sic!] 35% -Mindestversorgungsquote“ für den Landkreis Friesland. Und es ist abzusehen dass in einigen Kommunen ein höherer Bedarf herrscht. Potzblitz! … Na ja, vielleicht nur ein Irrtum. Mal schauen, ob sich noch mehr zum Landkreis Friesland findet. Tatsächlich findet man sogar den Kindertagesstättenbedarfsplan des Landkreises Friesland im Internet. Darin heißt es:

„Gemäß der Empfehlung vom „Krippengipfel 2007“ wird der Bedarf an Betreuungsplätzen auf 35 % für Kinder dieser Altersgruppe geschätzt. Die Verteilung der Plätze auf Einrichtungen bzw. Tagespflege wurde auf 70/30 festgelegt. Demzufolge ergäbe sich eine Bedarfsquote von ca. 24 % in Einrichtungen.“

Ähem, moooment. Der Bedarf für den Landkreis Friesland wird abgeleitet aus dem bundesdurchschnittlichen Bedarf? Zonk. Aber bestimmt auch nur eine missverständliche Formulierung. Ganz bestimmt. Der SPD-Landrat kann da nichts dafür.

(Um die Friesinnen und Friesen an dieser Stelle ein wenig zu beruhigen: Wenn im Landkreis wenigstens die 35 Prozent erreicht werden, könnten sie sogar Glück haben. Der repräsentativ erhobene Bedarf in ganz Niedersachsen liegt nämlich bei 35,3 Prozent. Ob Friesland da allerdings drüber oder drunter liegt – keine Ahnung.)

In die Kategorie „bestimmt alles nur ein Missverständnis“ fällt im Übrigen auch eine Resolution von SPD-Bürgermeistern aus dem Main-Kinzig-Kreis. Die musste ich nicht googeln, die kenne ich schon. Darin heißt es allen Ernstes:

„Dabei liegt der tatsächliche Bedarf vermutlich sogar weit höher als die von der Bundesregierung veranschlagten 35 Prozent. Die Kommunen im Westkreis etwa gehen von einer Bedarfsquote von mindestens 50 Prozent aus.“

Auch dies nochmal für Feinschmecker: Bürgermeister(!) schaffen es, eine Resolution zu unterzeichnen, in der steht, der tatsächliche Bedarf im Main-Kinzig-Kreis läge „vermutlich (…) weit höher als die von der Bundesregierung veranschlagten 35 Prozent“. Alter Schwede. Mutig. Für die Eltern in diesen Gemeinden muss man hoffen, dass die Resolution rein parteitaktisch motiviert ist und dass die das nicht ernst meinen. Wenn in diesen Gemeinden, die diese Bürgermeister vertreten, nämlich tatsächlich in den letzten fünf Jahren der Kita-Ausbau nur auf den Bundesdurchschnitt ausgelegt wurde anstatt auf die Bedürfnisse der Eltern vor Ort… gute Nacht… „Vermutlich“…

(Eine Wette gehe ich bereits an dieser Stelle ein: Dort, wo es zum 1. August 2013 nicht genug Kita-Plätz gibt, werden genau diese Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sagen „Der Bund hat sich verrechnet“ und nicht „Wir haben uns verrechnet“ oder gar „Wir haben es nicht geschafft“. Wetten? Nur so macht das doch alles Sinn. Und es wird genug geben, die das Nachplappern bzw – schreiben)

Ach ja, zugegeben: Ich glaube nicht wirklich an einen Zufall.

Aber da war ja noch der Städtetag, der – siehe Beispiel oben – sehr richtig schreibt, dass der Bedarf vor Ort zu erheben ist. Also schauen wir mal zu dem Mann, der bis vor wenigen Wochen noch Präsident des Städtetages war und der dort regiert, wo der Ausbau wirklich ein großes Problem ist. Schauen (bzw. googlen) wir uns in das schöne München.

Dort regiert Oberbürgermeister Christian Ude, der will a) dieses Jahr noch Ministerpräsident in Bayern werden, war aber, wie gesagt, b) bis vor Kurzem noch Präsident des Städtetages. Wegen a) ist er natürlich – was völlig legitim ist – im Wahlkampfmodus gegen die Landes- und die Bundesregierung und überhaupt. Wegen b) kann er dabei aber eigentlich nicht allen Ernstes für München ein 35 Prozent-Ziel angeben, ohne sich lächerlich zu machen.

Wie also kommuniziert man die ominösen 35 Prozent bei Herrn Ude in München? Zugegeben: Filigran!

In einer PM vom März 2013 heißt es:

Wie viele Plätze durch die neue Rechtslage gebraucht werden, ist unklar. Die Bundesregierung geht davon aus, dass 39 Prozent der Kinder von ein bis drei Jahren eine Betreuung brauchen. Dieser Wert ist für die Millionenstadt München zu niedrig gegriffen. München orientiert sich an den Zahlen einer Elternbefragung. Danach wünschen 60 Prozent der Eltern eine Betreuung für ihr unter dreijähriges Kind.

Gnihi. Auf der Zunge zergehen lassen! „Dieser Wert ist für die Millionenstadt München zu niedrig gegriffen“. Ja, klar. Den hat ja auch keiner jemals für München angelegt. Zugleich steht da: „München orientiert sich an den Zahlen der Elternbefragung“. Das ist gut! Das ist aber auch genau Euer Job.

Die Aussage hat deshalb ungefähr die Qualität der folgenden:

Die Deutschen essen im Durchschnitt 60 Kilo Fleisch pro Jahr. Dieser Wert ist für Reiner Calmund zu niedrig gegriffen! (Sauerei!) Wir hingegen haben Calmund selber gefragt: Er hat noch hunger!

Das ist filigran, weil es nicht gelogen ist. Es ist halt nur nicht ganz sauber. Die „filigran aber nicht ganz sauber“-Methode, zeigt im Übrigen auch eine PM vom September 2012. Dort heißt es:

Damit liegt München bereits jetzt deutlich über der von der Bundesregierung im Bundesdurchschnitt als ausreichend angenommenen Versorgung von 35%.

Auch hier: „Der Fleischverbrauch von Reiner Calmund liegt bereits heute deutlich über dem als durchschnittlich angenommenen Fleischverbrauch“… Klar. Weil beim durchschnittlichen Fleischverbrauch auch die Vegetarier mitberechnet sind. Und die Kinder. Ebenso wie sich der bundesdurchschnittlichen Bedarf an Kitaplätzen eben aus vollkommen unterschiedlichen Bedarfen vor Ort zusammensetzt. Falsch ist das nicht, was da steht. Es suggeriert halt nur, dass die 35 Prozent irgendeine Bedeutung für München hätten. Die haben sie nicht.

(Ein kleiner Hinweis freilich muss doch noch sein: Auch die 35 Prozent Bundesdurchschnitt hat nicht die Bundesregierung – wir reden im Übrigen von 2007/2008, also von der Großen Koalition! – alleine angenommen, sondern das waren Bund, Länder und Kommen gemeinsam. Aber egal.)

Ob das alles Missverständnisse sind, oder ob das Methode hat? Wie gesagt, das müsst Ihr Euch selber beantworten. Meine Wette von oben steht.

SHZ.de mache ich im Übrigen keinen Vorwurf, die sind in bester Gesellschaft. Und wie mir der gleiche Journalist, mit dem ich über die Tabellen zur Bedarfsquoten geredet habe, auch zum Thema Bundesdurchschnitt sagte: „Ja, völlig logisch. Aber halt zu kompliziert.“

Ich trau den wenigen Lesern meines jungen Blogs jedenfalls zu, dass sie es überdurchschnittlich gut verstehen (grins).

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